Nach vier Wochen Großstadtgetümmel geht es raus in die großen Weiten der Staaten. Ich bin Kilian, komme aus Ergolding in der Nähe von München. Aktuell befinde ich mich jedoch in der Metropole New York City, da ich über ein Stipendium der Joachim-Herz-Stiftung ein achtwöchiges Auslandspraktikum für Auszubildende absolviere. Ich befinde mich in meinem dritten und letzten Lehrjahr zum Metallbauer im Bereich Konstruktionstechnik. Im Rahmen des Praktikums haben wir auch ein Reisewochenende. Für mich und zwei andere Stipendiaten geht es in die Natur, in ein paar Nationalparks.
Stop and Go bei der Anreise
Wir reisen von unserer Unterkunft nach Grand Central, wo unser Bus zum Newark International Airport abfährt. Aufgrund der Wartezeit für den nächsten Bus haben wir uns noch in ein Café gesetzt. Dort gab es Muffins und einen Kaffee, mit dem ich mir erstmal eines meiner Longsleeves eingesaut habe. Zehn Minuten vor der Abfahrt des Busses gehen wir aus dem Café und stellen uns zu den anderen Reisenden. Die Klappen für das Gepäck sind geöffnet, und alle fangen an einzuladen – auch wir. Doch auf einmal meinte der Angestellte, dass man die Tickets bei ihm scannen solle. Tommi, Alex und ich schauen uns an, die Panik war uns ins Gesicht geschrieben, und Alex fragte: “Jungs, habt ihr Tickets?” Schnell kauften wir uns noch per QR-Code drei Tickets und saßen so doch noch im Shuttle nach Newark.
Nach zwei Stunden Fahrt durch die New Yorker Rush Hour kommen wir endlich an. Dadurch, dass unser Flug bereits Verspätung hat, brauchen wir uns auch nicht zu stressen. Wir setzen uns im Terminal zu den Essensständen – für Alex und mich gibt’s Burritos, für Tommi erstmal nichts. Eine Stunde vor Abflug kaufen wir uns alle noch einen Kaffee mit einem viel zu langen Namen. Endlich beginnt das Boarding, und wir sitzen im Flieger. Wir fahren vom Gate ab, jedoch sind vor uns noch 15 weitere Flugzeuge, die starten wollen. Mit mehr als zwei Stunden Verspätung heben wir endlich ab.
Nach rund fünf Stunden Flugzeit landen wir in unserer Zielstadt, Salt Lake City, Utah. Kurz nach Mitternacht steigen wir aus dem Flugzeug, nur mit Handgepäck beladen, und wollen zur Autovermietung. Da fällt uns jedoch auf, dass diese schon geschlossen hat. Alex versucht, jemanden per Telefon zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. So begeben wir uns also in ein nahegelegenes Hotel. Dort verbringe ich meinen kürzesten Hotelaufenthalt: ganze viereinhalb Stunden.
Pünktlich zur Öffnungszeit stehen wir an diesem grauen Morgen vor der Autovermietung – dort erleben wir die nächste Überraschung. Wir hatten uns aufgrund unseres Vorhabens für einen Minivan entschieden, doch dieser ist nicht mehr vorrätig. Zunächst sieht es so aus, als würden wir einen Crossover-SUV bekommen, dann jedoch sagt uns der Mitarbeiter, dass wir auch einen BMW X7 bekommen könnten. Wir, als tiefste Bayern, und Alex können diesem Angebot unmöglich widerstehen.
Rasch laden wir das Auto ein und wärmen nicht nur uns, sondern auch den Motor ziemlich zügig auf. Im bewölkten Morgengrauen machen wir uns auf nach Logan, eine kleine Stadt, die stark durch die vielen Studenten geprägt ist. Dort wartet Basti auf uns, ein langjähriger Freund von mir, den ich aus meiner Schulzeit kenne.
Zu viert gehen wir Pancakes frühstücken, dabei überrascht Alex mit einer Einlage auf dem Klavier. Danach holen wir Campingausrüstung ab und kaufen Proviant für die nächsten drei Tage ein. Anschließend fahren wir durch die atemberaubende Landschaft von Utah und Idaho. Wir halten am Straßenrand und schießen ein paar Fotos am Ufer eines Sees. Zu guter Letzt erreichen wir Wyoming, wo wir in einer Ranger Station nach Campingplätzen mit schönen Aussichten fragen. Wir bekommen eine kleine Karte, auf der verschiedene Stellplätze verzeichnet sind. Mit dieser ausgestattet starten wir in Richtung der Grand Tetons.
Im X7 ist kein Weg zu steil
Wir legen in einer Haltebucht einen Stopp ein, steigen aus und hören nichts außer Stille – ein geradezu surrealer Moment, nachdem Tommi, Alex und ich die New Yorker Geräuschkulisse gewohnt waren. In den vier Wochen zuvor war mir nicht klar gewesen, welcher Dauerbeschallung wir im schnellen Alltag eigentlich ausgesetzt sind. Hinter der kaum befahrenen Straße ragen die Tetons in die Höhe. Das anfänglich graue und trübe Wetter hat sich auch endlich in Sonnenschein verwandelt, sodass man sich draußen ohne dicke Kleidung aufhalten konnte.

Wir fahren noch rund 20 Minuten auf Asphalt, danach zweigt jedoch ein geschotterter Weg nach links ab. Wir nutzen unser Luftfahrwerk und erhöhen die Bodenfreiheit. Keine fünf Minuten später schlängeln wir uns den Shadow Mountain hinauf – die Straße lässt es nicht zu, sonderlich schnell zu fahren. Deshalb sitzen wir, bis auf den Fahrer, auf dem Fensterrahmen und genießen die Natur um uns herum.
Nach guten 30 Minuten auf der Bergstraße erreichen wir einen Platz, der uns gefällt. Hier fangen wir an, unser Nachtlager aufzuschlagen, und teilen die Aufgaben auf: Basti und Alex bauen das Zelt auf, Tommi und ich suchen in den umliegenden Wäldern nach Feuerholz. Da wir uns auf 2300 m ü. NN befinden, gibt es auch kein Fünf-Gänge-Menü, sondern in klassischer Campingmanier Nudeln mit Tomatensauce. Pünktlich zum Sonnenuntergang entfachen wir das Lagerfeuer und öffnen das amerikanische Dosenbier. Unterhalb von uns erstreckt sich eine umwerfende Weite, gegenüber am Horizont verschwindet die Sonne hinter den Tetons, und über uns werden die ersten Sterne sichtbar – etwas, was in New York unmöglich ist. Besonders lange sitzen wir nicht draußen, da die Temperaturen in der Nacht bereits unter den Gefrierpunkt fallen.

Pünktlich zum Sonnenaufgang klingelt unser Wecker, und zitternd stehen wir auf. Die Sonne taucht die Gipfel der Tetons in ein herbstliches Orange. Wir genießen den Moment für einige Minuten, dann geht es jedoch schon an den Abbau. Mit kalten Fingerspitzen fangen wir an, unseren Schlafplatz zu räumen, und starten in den Grand-Teton-Nationalpark.

Als wir wieder auf der Hauptstraße sind, staut es sich auf einmal, und lauter Menschen stehen mit gezückter Kamera draußen. Zuerst wundern wir uns, doch dann sehen wir einen der Big Three: Ein Elch steht rechts von uns in der Wiese. Rund 30 Meter vor unserem Auto kreuzt diese majestätische Kreatur mit ihren 2,10 Metern Schulterhöhe die Straße.

Nachdem wir uns wieder gesammelt haben, fahren wir weiter zu unserer Wanderung. Bevor wir jedoch losgehen, stärken wir uns auf dem Wanderparkplatz mit einer Portion Instant-Ramen. Die Wanderung erinnert mich als Bergfex eher an einen großen Spaziergang. Die Aussicht ist jedoch nur schwer zu übertreffen: Entlang des Ufers vom Jackson Lake wandern wir durch einen märchenhaften Lärchenwald; immer wieder kann man rechts einen Blick auf die Berge durch die Bäume erhaschen. Da wir uns nun auch in Grizzly-Territorium befinden, wird jedes Knacken im Busch zur Aufregung, gegen die das Bärenspray, das wir dabei haben, jedoch wenig hilft. Nach rund siebeneinhalb zurückgelegten Kilometern gelangen wir an den Wendepunkt unserer Wanderung, Hermitage Point.

Nach erfolgreicher Stärkung brechen wir über neue Wege wieder zum Auto auf. Am Parkplatz angekommen verzeichnen wir doch ganze 17 Kilometer.
Es folgt eine Fahrt Richtung Norden durch eine Landschaft, die von den Waldbränden des Vorjahres gezeichnet ist. Schließlich erreichen wir unseren zweiten Nationalpark, Yellowstone. Am Eingangsbereich fragen wir nach, wo wir umsonst kampieren dürfen. Viele Möglichkeiten haben wir nicht, um genau zu sein, gibt es nur einen Platz, auf dem wir unser Zelt aufschlagen können. Bis dahin sind es jedoch noch gute zwei Stunden Fahrt, die wir wohl oder übel auf uns nehmen müssen. Doch die Fahrt enttäuscht uns nicht.
Unser erster Halt ist am Old Faithful, einem der vielen Geysire im Nationalpark, der regelmäßig ausbricht, etwa jede Stunde. Uns kommt eine große Menschenmenge entgegen, und wir schließen daraus, dass der Geysir soeben ausgebrochen ist. Aufgrund des schwindenden Sonnenlichts ziehen wir also weiter, ohne den Ausbruch zu sehen.
Wir fahren weiter Richtung Norden, und links von uns sinkt die Sonne immer weiter Richtung Horizont. In einer kleinen Haltebucht stehen zwei Wildlife-Fotografen mit Teleobjektiven. Unsere Blicke folgen den Kameras, die auf eine Stelle etwa 150 Meter entfernt gerichtet sind, wo zwei Bisons auf der Wiese stehen. Tommi verlangsamt die Geschwindigkeit und Alex öffnet das Panoramadach, um ein paar Fotos zu schießen. Leider können wir nicht mit den Objektiven der Fotografen mithalten.
Mit offenen Mündern beobachten wir diese gewaltigen Geschöpfe beim Weiden. Somit haben wir bereits zwei der „Big Three“ abgehakt.
Die Sonne ist bereits verschwunden, als wir an unserem Campingplatz ankommen. Da die Hauptsaison vorbei ist, gilt „first come, first serve“. Wir sind ziemlich spät dran und haben daher wenig Auswahl. Mit Taschenlampen bauen wir unser Zelt auf. Anschließend gibt es Nudeln mit diversen Dosensuppen, leider wieder kein Fünf-Gänge-Menü. Da es an diesem Abend kein Lagerfeuer gibt, begeben wir uns früh in die Schlafsäcke.
Kolosse auf der Straße
Der Morgen bricht an, und dieses Mal ist nicht alles gefroren. Mit etwas wärmeren Händen als am Vortag bauen wir ab. Es ist der letzte volle Tag für uns fernab des Metropolengetümmels von New York, und der Tag soll uns nicht enttäuschen.
Wir fahren los und legen bereits nach kurzer Zeit unseren ersten Stopp ein. Wir halten an den Mammoth Hot Springs. Über den schwefelhaltigen Becken steigt Dunst auf, und ein hölzerner Steg schützt uns vor der ätzenden Oberfläche, während wir eine kleine Runde spazieren gehen. Danach geht es wieder ins Auto.
Keine zwei Minuten später müssen wir jedoch erneut anhalten, diesmal unfreiwillig. Zwei Bisons stehen auf der Straße. Alex hält an, Tommi schaut aus dem Panoramadach heraus, und ich setze mich auf den Fensterrahmen.

Eines der beiden kommt näher, und Alex fürchtet bereits Kratzer und Dellen am Auto. Doch das Bison passiert unsere linke Seite relativ uninteressiert mit rund einem Meter Abstand.
Nach diesem fesselnden Moment fahren wir ein bisschen länger ununterbrochen weiter. Besonders weit kommen wir trotzdem nicht, denn am Norris Basin gehen wir wieder eine Runde spazieren. Wir sind in dichten Nebel gehüllt, und Schwefelgeruch liegt in der Luft; vereinzelt brodeln kleine Becken. Als wir weiterfahren, hat sich der Nebel verzogen, und wir fahren bei blauem Himmel.
Unser nächster Halt ist der Lower Fall in der Nähe des Canyon Village. Ein schmaler und steiler Weg führt vom Parkplatz durch einen kleinen Wald ins Tal hinab. Immer wieder erhaschen wir den Upper Fall zwischen den Baumwipfeln. An der Plattform angekommen, haben wir einen atemberaubenden Blick auf den Grand Canyon des Yellowstone-Nationalparks und stehen genau an der Kante, an der das Wasser in die Tiefe stürzt.

Der Rückweg ist deutlich anstrengender als der schnelle Abstieg, der eine keucht mehr, der andere ein bisschen weniger.
Für unsere Mittagspause suchen wir einen der vielen Picknickplätze auf. Hier sitzen wir leicht erhöht über einem Flussufer. Da keiner von uns ein Gourmetkoch ist, gibt es Instant-Ramen und Dosen-Chili vom Gaskocher. Nach der Stärkung spülen wir unser Geschirr am nahegelegenen Ufer ab.
Kurz vor dem Yellowstone Lake sehen wir eine riesige Bisonherde inmitten eines kleinen Kraters, der jedoch von Gras überwuchert ist. Wir halten ein letztes Mal im Nationalpark und genießen die Weite am Seeufer.

Kurz vor Jackson haben wir auch das Vergnügen, die lokale Polizei kennenzulernen. Sie kontrollieren uns routinemäßig. Als ich erzähle, dass ich als Schweißer arbeite, meint eine der Polizistinnen „er verdient also richtig Geld“. Wir schmunzeln, weil wir wissen, wie das Leben als Azubi wirklich ist, und nach etwa 15 Minuten können wir weiterfahren.
Nach einer kurzen Kaffeepause in Jackson fahren wir gute zwei Stunden ununterbrochen weiter. Wir sehen uns den Sonnenuntergang am Bear Lake an, stehen noch eine Weile auf der Promenade und setzen uns schließlich wieder ins Auto.
Mittlerweile ist es dunkel, und wir haben noch etwa dreiviertel Stunde bis Logan. In Logan gehen wir noch auf Empfehlung zu In-N-Out und setzen dann Basti vor seinem Wohnheim ab, wo wir ihn zwei Tage zuvor abgeholt haben. Wir räumen das Auto aus, und dann trennen sich unsere Wege. Alex, Tommi und ich verabschieden uns von Basti, der uns einen Schlafplatz in einem Haus der Studentenverbindung organisiert hat.
Freie Fahrt nach Hause
Bereits um 6:00 Uhr klingelt unser Wecker. Wir brechen von Logan nach Salt Lake City auf. Dort befreien wir den X7 von dem Dreck der letzten Tage und füllen noch einmal den Tank, bevor wir das Auto zurückgeben. Mit dem Shuttle geht es zum Flughafen, und dieses Mal heben wir pünktlich ab. Wir landen in Newark, schnappen uns unsere Koffer und steigen in den AirTrain Richtung New York City. Ein letzter Zug bringt uns schließlich zurück in die Stadt. Das erste, was wir sehen, als wir die Penn Station verlassen, ist das Empire State Building.
So geht ein eindrucksvolles Reisewochenende zu Ende, und wir kehren in unseren mittlerweile vertrauten Alltag zurück.
