Architektur in ATL

Ich heiße Demir, bin 21 Jahre alt und mache meine Ausbildung zum Bauzeichner in München.

Auf das Programm bin ich durch die womöglich unspektakulärste Art aufmerksam geworden: die lila Flyer im Berufsschul-Treppenhaus. Der Flyer war kaum beiseite gelegt, da habe ich die JHS Internetseite mit dem Bewerbungslink schon in meinen Lesezeichen gespeichert. Die Möglichkeit Berufserfahrung in den USA zu sammeln? Ohne komplizierte Bewerbungsvorgänge und Aufnahmebedingungen? That’s a once in a lifetime opportunity!

The American Dream: Unbegrenzte Möglichkeiten, Wolkenkratzer– und Bagels

Mein Praktikum darf ich bei Jones Pierce, INC. absolvieren. Wer spektakuläre Geschichten über den Alltag in einem großen Architekturbüro mit Blick über Atlanta aus einem Wolkenkratzer erwartet, der wird hier leider enttäuscht. Bei Jones Pierce arbeite ich mit zehn anderen netten Arbeitskollegen an der Bau- und Renovierungsplanung von Einfamilienwohnhäusern zusammen.

Im Laufe der acht Wochen war meine Aufgabe, die Bestandsaufnahme eines Bungalows durchzuführen und den dazugehörigen Grundriss zu zeichnen. Diese Bestandsaufnahme dient als Grundlage für die Umgestaltung der Küche und des Wohnzimmers, als auch für den Neubau eines zweiten Geschosses über dem Carport. Außerdem war ich für die 3D Modellierung eines größeren Projektes zuständig, bei dem das Nachbargrundstück gekauft, das Haus abgerissen und nun eine Erweiterung des Bestandes geplant wird. Dieses Modell hilft dem Architekten und allen am Bau beteiligten eine Visualisierung des Projektes zu erhalten und Absprachen leichter zu treffen. Für die Sales Abteilung ist das Modell bei der Kostenkalkulation und -schätzung von großer Hilfe.

Eine der größten Umstellungen war das Arbeiten mit dem Imperial System, d.h. inch und feet. Da wir in Deutschland das Metrische System mit Zentimeter und Meter nutzen, musste ich mir gleich am ersten Tag einen „Converting Metres to Feet “ Guide ausdrucken, in der Hoffnung das System zu lernen. Realität ist, dass ich das Imperial System bis heute nie verstanden habe und auch andere Arbeitskollegen mit diesen Einheiten ständig zu kämpfen haben. Eine weitere Umstellung waren die amerikanischen Zeichenvorschriften für Bauzeichnungen. Diese weichen in vielen Bereichen von den deutschen Vorschriften ab, wodurch man gezwungen ist, das Bauzeichnen „neu“ zu lernen. Das kann ein ganz schön heftiger Schlag für das eigene berufliche Selbstvertrauen sein. Andererseits kann man mithilfe von dieser Erfahrung seine Bauzeichen-Künste am besten einschätzen und ist in der Lage zu beurteilen, welche Vor- und Nachteile die jeweilige Gestaltung der Bauzeichnungen bietet.

Der krönende Abschluss meiner Zeit bei Jones Pierce war schließlich das Meeting, in dem ich das 3D Modell vorstellen und den Auftraggeber bei Anpassungswünschen beraten durfte. Diese Erfahrung, mit dem Auftraggeber direkt unter „vier Augen“ zusammenzuarbeiten und einen Einfluss auf das spätere Produkt, das Haus in dem ein Mensch wohnen wird, zu haben, ist einzigartig. Besonders ein Gespräch dieser Art das erste Mal auf Englisch zu führen, verleiht nochmal einen zusätzlichen Adrenalinschub. Als „Belohnung“ haben mich meine Arbeitskollegen danach zum wohlverdienten Lunch in unserem Lieblings Bagel Spot ausgeführt.

Southern Hospitality: der erste Kontakt mit Einheimischen

Die überschaubare Arbeitsumgebung bei Jones Pierce ist eine Umstellung im Vergleich zur deutschen Arbeitsumgebung, in der mehr als 100 Mitarbeiter angestellt sind. Durch diesen engeren Kontakt zu den anderen Kollegen kommt man dafür aber auch eher ins Gespräch und lernt einander besser kennen.

An meinem ersten Tag haben sich die anderen Mitarbeiter in einem Meeting vorgestellt, indem sie jeweils ein persönliches „Spirit Animal“ aussuchten. Als ich dran war, habe ich das Spiel etwas geändert und es zu einem „3 Aussagen – 2 Lügen, eine Wahrheit“ gemacht, wobei ich die Konferenzrunde mit meinen Kentnissen in 7 Sprachen überrascht habe und dazu gedrängt wurde, mich auf jeder dieser Sprachen vorzustellen. Dieser lustige Einstieg vermittelt umgehend das Gefühl, willkommen zu sein. Die Gastfreundschaft lässt folglich die mentale Hürde, schlechtes Englisch zu sprechen, verschwinden.

Als Bryan, einer der beiden Principals, davon erfahren hat, dass ich nur über die Beltline zur Arbeit gelangen kann und mir dafür ständig einen E-Roller mieten muss, beschloss er spontan nach einem Lunch zum Bikedealer zu fahren und mir ein Fahrrad zu kaufen. Das zeigt wie entschlossen die Gastfirmen sind, den Interns einen möglichst angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen und den Arbeitsweg, der sonst sehr vom Auto abhängig ist, sicherer zu gestalten.

Natürlich spielt die JHS eine wichtige Rolle hierbei, indem sie anhand von ihren Auswahlkriterien überhaupt erst solch rücksichtsvolle Unternehmen ausgesucht hat

Der Anschluss von Jones Pierce an die Beltline sowie die geringe Entfernung zum Piedmont Park bieten die Möglichkeit zum Golfing, Tennis, Jogging oder Biking. Nach einem stressigen Arbeitstag kann man im Piedmont Park einen Zwischenstopp machen und wird in eine Runde American Football aufgenommen, obwohl man die Mitspieler davor nie gekannt hat.

Genau wie die Menschen, spielt auch das Wetter in Atlanta eine große Rolle sich geborgen zu fühlen. Das angenehme, schwülle Wetter verleiht gute Stimmung und ermöglicht es überhaupt erst die Stadt zu erkunden, Menschen kennenzulernen und Freizeitaktivitäten zu betreiben.

„Wie das Wetter so die Stimmung“…

Fazit

Der Aufenthalt in Atlanta ist eine sehr nette Erfahrung gewesen, die für eine sehr lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird. Neben dem Gewinn von neuen beruflichen Kentnissen als auch Erfahrungen, birgt diese Zeit das Potential für unzählige „Eye-Opener“. Ich bin überzeugt, dass die Kohorte Ihre jeweiligen Horizonte während dieser Reise erweitern konnte und mit einer neuen, stärkeren Persönlichkeit wieder in die Heimat zurückfliegt.

Vielen Dank für diese schöne Zeit und alles gute in eurem weiteren Leben!

Demir Selmic

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